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Innere Anteile verstehen und behutsam mit ihnen in Kontakt kommen

Ein Teil von dir möchte endlich etwas Neues wagen, und ein anderer Teil zieht im selben Moment die Handbremse. Du nimmst dir fest vor, Nein zu sagen, und hörst dich dann doch Ja sagen. Oder du spürst eine tiefe Sehnsucht nach Nähe und gleichzeitig den starken Impuls, auf Abstand zu gehen. Solche inneren Widersprüche erleben sehr viele Menschen. Sie sagen nichts darüber aus, ob mit dir etwas nicht stimmt. Sie zeigen vielmehr, dass in dir verschiedene innere Anteile wirken, die jeweils ihre eigene Geschichte und ihre eigene Aufgabe haben.

Inhalt (Lesedauer rund 9 Minuten)

In diesem Beitrag erfährst du, was innere Anteile sind, wie sie sich im Alltag zeigen und wie die Arbeit mit inneren Anteilen nach dem Ego State Ansatz aussieht. Ich erzähle dir außerdem, wie diese Anteilearbeit in meiner Begleitung als Coach für neurosystemische Integration® erlebbar wird, und lade dich zu einer kleinen Übung für einen ruhigen Moment ein.

Was innere Anteile sind, einfach erklärt

Innere Anteile sind verschiedene Seiten deiner Persönlichkeit, die jeweils eigene Gefühle, Gedanken, Erinnerungen und Körperempfindungen mitbringen. Sie sind keine fremden Personen in dir, sondern gehören ganz selbstverständlich zu dir. In unserer Alltagssprache sind sie längst angekommen, etwa wenn wir sagen: „Ein Teil von mir freut sich, ein anderer ist unsicher.“

In der Psychologie gibt es verschiedene Modelle dafür. Ich arbeite mit dem Ego State Ansatz, den John und Helen Watkins entwickelt haben. Dort heißen die inneren Anteile Ego States, auf Deutsch Ich Zustände. Die Grundidee: Unsere Persönlichkeit besteht aus vielen solcher Ich Zustände. Je nach Situation tritt einer von ihnen in den Vordergrund und bestimmt, wie du fühlst, denkst und handelst, während die anderen im Hintergrund bleiben.

Das erklärt, warum du dich in manchen Momenten so anders erlebst als sonst. Bei der Arbeit bist du klar und kompetent, und am Abend fühlst du dich nach einem kleinen Streit plötzlich hilflos wie ein Kind. Dann ist ein anderer Ich Zustand aktiv geworden. Oft zeigt sich das zuerst im Körper, etwa als Enge im Hals, hochgezogene Schultern oder innere Unruhe, weil dein Nervensystem schneller reagiert, als dein Verstand nachdenken kann.

Wichtig ist mir dabei: Innere Anteile hat jeder Mensch. Die Arbeit mit inneren Anteilen, auch Anteilearbeit genannt, lädt dich ein, diese Seiten bewusst kennenzulernen, statt dich von ihnen steuern zu lassen oder gegen sie anzukämpfen.

Beispiele für innere Anteile, die viele Menschen kennen

Jeder Mensch trägt seine ganz eigenen Ich Zustände in sich. Trotzdem gibt es einige, die in der Begleitung immer wieder auftauchen. Die folgende kleine Liste innerer Anteile soll dir einen ersten Eindruck geben. Schau, ob du dich in dem einen oder anderen Beispiel wiederfindest.

Der innere Antreiber

Dieser Anteil sorgt dafür, dass du funktionierst. Er erinnert dich an alles, was noch zu tun ist, und lässt dich selten zur Ruhe kommen. Pausen fühlen sich für ihn unsicher an, denn irgendwann hat er gelernt, dass Leistung Anerkennung bringt oder dass Stillstand Probleme macht. Viele Menschen erleben ihren Antreiber als anstrengend und gleichzeitig als jemanden, der sie durch schwere Zeiten getragen hat.

Der Anteil, der sich zurückzieht

Wenn es zu viel wird, macht dieser Anteil die Tür zu. Du sagst Verabredungen ab, gehst nicht ans Telefon oder fühlst dich innerlich wie hinter Glas. Für Außenstehende wirkt das manchmal wie Desinteresse. Von innen betrachtet ist es oft ein Weg, mit Überforderung umzugehen und wieder etwas Abstand zu gewinnen.

Das jüngere Ich

Manchmal fühlst du dich in einer Situation plötzlich klein, hilflos oder verlassen, obwohl du als Erwachsene*r eigentlich gut für dich sorgen kannst. Dann ist häufig ein jüngerer Ich Zustand aktiv, der alte Gefühle in sich trägt. Er reagiert auf das Heute so, wie er es damals gelernt hat, und sehnt sich nach Trost, Halt und Verständnis.

Der innere Kritiker

Er kommentiert, was du tust, und findet fast immer etwas zu verbessern. Seine Stimme klingt manchmal streng, manchmal abwertend, und nicht selten erinnert sie an einen Menschen aus deiner Kindheit. Hinter dieser Härte steckt oft der Versuch, Kritik von außen zuvorzukommen oder dich anzuspornen, damit du dazugehörst.

Neben diesen Anteilen gibt es in jedem Menschen auch Ressourcenanteile. Das sind Ich Zustände, die mutig, neugierig, verspielt, ruhig oder zuversichtlich sind. Vielleicht ist es der Teil, der beim Wandern im Wald ganz bei sich ist, oder der Teil, der für eine Freundin einfach da sein kann. Diese Anteile sind in der Ego State Arbeit besonders wertvoll, weil sie den anderen Halt geben können. Die Namen in diesem Abschnitt sind übrigens nur Beispiele. Deine Anteile dürfen ganz andere Namen tragen, eine Farbe, ein Bild oder ein Alter haben.

Warum jeder innere Anteil eine wichtige Aufgabe hat

Im Ego State Ansatz gilt ein Gedanke, der mir besonders am Herzen liegt: Jeder Ich Zustand ist aus einem guten Grund entstanden. Kein Anteil ist überflüssig, und keiner wird bekämpft oder entfernt.

Wie innere Anteile entstehen

Die Ego State Arbeit beschreibt drei Wege. Manche Anteile entwickeln sich ganz natürlich, weil du in der Schule, bei der Arbeit oder mit Freund*innen jeweils andere Seiten von dir brauchst.

Andere Anteile entstehen durch wichtige Bezugspersonen. Kinder nehmen Stimmen, Haltungen und Regeln ihrer Eltern in sich auf. Daraus werden innere Anteile, die bis heute ähnlich sprechen wie diese Menschen damals.

Der dritte Weg hat mit überwältigenden Erfahrungen zu tun. Wenn etwas zu viel war, hat sich ein Teil des Erlebens abgekapselt. Dieser Anteil trägt die Gefühle und Körperempfindungen von damals bis heute in sich und reagiert in ähnlichen Situationen so, als wäre die alte Gefahr noch da. Hier zeigt sich die enge Verbindung zwischen inneren Anteilen und Trauma.

Warum Würdigung mehr bewirkt als Kampf

Aus dieser Sicht ergibt jedes Verhalten Sinn. Der Antreiber hat vielleicht für Anerkennung gesorgt, der Rückzug für Ruhe, der Kritiker für Zugehörigkeit. Wenn du gegen einen Anteil ankämpfst, wird er oft eher lauter, denn er hat seine Aufgabe noch nicht abgegeben.

Fühlt sich ein Anteil dagegen gesehen und spürt, dass du heute mehr Möglichkeiten hast als damals, kann er nach und nach entspannen. Das Erlebte verschwindet dadurch nicht aus deinem Körper. Doch deine Reaktionen auf heutige Situationen dürfen sich verändern: weg vom inneren Notmodus, hin zu einem Zustand, in dem du eine Situation halten und tragen kannst.

Wie innere Anteile in Psychologie und Psychotherapie gesehen werden

Die Ego State Therapie stammt ursprünglich aus der Psychotherapie und Hypnotherapie. John und Helen Watkins haben sie in den 1970er und 80er Jahren entwickelt, heute wird sie besonders in der Traumatherapie geschätzt. Ihr Kern ist eine tiefe Wertschätzung für alle Anteile eines Menschen und das behutsame Vorgehen: Zuerst wird Sicherheit aufgebaut, erst danach geht es um belastete Anteile.

Daneben gibt es weitere Modelle. Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun spricht vom inneren Team, dessen Mitglieder gemeinsam zu einer guten Entscheidung finden dürfen. In der systemischen Therapie werden innere Konflikte oft wie ein Gespräch zwischen verschiedenen Beteiligten betrachtet. Und in der Verhaltenstherapie, vor allem in der Schematherapie, ist von Modi die Rede, etwa vom verletzten Kind oder vom strengen inneren Elternteil.

Allen Ansätzen ist gemeinsam, dass innere Widersprüche nicht als Fehler gelten, sondern als Ausdruck verschiedener Bedürfnisse, die sich verständigen dürfen.

Coaching und Psychotherapie

Meine Begleitung ist ein Coaching, das sich am Ego State Ansatz orientiert. Es ist keine Psychotherapie. Ich stelle keine Diagnosen und behandle keine psychischen Erkrankungen.

Wenn du gerade sehr stark belastet bist, ist eine psychotherapeutische Begleitung der passende Rahmen. Bist du bereits in Therapie, kann ein Coaching nach Absprache mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten eine ergänzende Unterstützung sein.

Eine kleine Übung, um deinen inneren Anteilen zu begegnen

Ich möchte dich zu einer kleinen Übung einladen, mit der du einen ersten freundlichen Kontakt zu deinen inneren Anteilen aufnehmen kannst. Wähle dafür einen Moment, in dem du dich einigermaßen ruhig fühlst, und eine Situation aus deinem Alltag, die eher klein ist. Du darfst jederzeit aufhören.

  1. Setze oder lege dich so hin, dass du dich gut gehalten fühlst. Spüre, wo dein Körper Kontakt zum Boden oder zur Unterlage hat.
  2. Erinnere dich an einen Moment, in dem es dir gut ging. Vielleicht warst du ruhig, neugierig oder zuversichtlich. Lass diesen Ressourcenanteil ein wenig spürbar werden und schau, wo du ihn im Körper wahrnimmst.
  3. Denke an eine kleine Situation, in der du zwei Seiten in dir gespürt hast, zum Beispiel den Wunsch, etwas abzusagen, und gleichzeitig das Gefühl, es nicht zu dürfen.
  4. Schau, wo du die eine Seite in deinem Körper wahrnimmst und wo die andere. Vielleicht ist es ein Druck, eine Wärme, eine Enge oder nur eine leise Ahnung.
  5. Begrüße beide Seiten innerlich mit einem freundlichen Satz, etwa: „Ich sehe dich. Danke, dass du da bist.“
  6. Komm zum Schluss wieder ganz in den Raum zurück, schau dich um und benenne drei Dinge, die du siehst.

Wenn sich die Übung zu viel anfühlt, darfst du sie einfach beenden. Auch das ist eine wertvolle Information über dich und deine Grenzen.

Kleine, regelmäßige Momente wie dieser helfen deinem Nervensystem, Sicherheit im Alltag zu erleben. Wenn du dir dafür Unterstützung wünschst, findest du im Alltags-Anker kurze Impulse, die dich Tag für Tag begleiten.

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Häufige Fragen zur Arbeit mit inneren AnteilenHäufige Fragen zur Arbeit mit inneren Anteilen

Ja. Innere Anteile gehören zum ganz normalen Erleben. Jeder Mensch hat Seiten, die mutig sind, und Seiten, die vorsichtig sind, Seiten, die verspielt sind, und Seiten, die ernst sind. Spürbar werden sie vor allem dann, wenn sie unterschiedliche Dinge wollen und dadurch ein innerer Konflikt entsteht.

Nein. Der Ego State Ansatz beschreibt die Aufteilung in Ich Zustände als ein Spektrum. Am einen Ende stehen die ganz alltäglichen Unterschiede, die jeder Mensch kennt. Du bleibst dabei immer du selbst und weißt, was du tust.

Am äußersten Ende dieses Spektrums liegt die dissoziative Identitätsstörung. Sie ist eine ernsthafte Erkrankung und gehört in psychotherapeutische Hände.

Kleine Übungen wie die oben beschriebene darfst du gern allein ausprobieren. Wenn alte Verletzungen berührt werden, kann es jedoch hilfreich sein, dabei begleitet zu werden. Eine traumasensible Begleitung achtet darauf, dass du nicht von Gefühlen überrollt wirst und genug Halt da ist, bevor schwierige Anteile in den Blick kommen. Weitere Antworten findest du in meinen häufigen Fragen.

Nein. Du brauchst weder Vorwissen noch Übung in Imagination. Viele Menschen spüren ihre Anteile anfangs eher als Körperempfindung oder vage Stimmung, nicht als klares Bild. Das ist völlig in Ordnung, und wir beginnen genau dort, wo du gerade stehst.

Das darf so sein. Manche Anteile sind vorsichtig und brauchen Zeit, bis sie Vertrauen fassen. In der Ego State Arbeit wird kein Anteil gedrängt. Oft hilft es, zuerst mit dem Anteil in Kontakt zu gehen, der zögert, und ihn zu fragen, was er braucht, um sich sicherer zu fühlen.

Ja. Die Arbeit mit inneren Anteilen gelingt online sehr gut, weil sie vor allem über Wahrnehmung, innere Bilder und das Gespräch geschieht. Viele Menschen schätzen es sogar, dabei in ihrer vertrauten Umgebung zu sein, und können sich zu Hause leichter entspannen.

Wie ich dich bei der Arbeit mit inneren Anteilen begleite

Die Arbeit mit inneren Anteilen nach dem Ego State Ansatz habe ich in meiner Ausbildung zur Coach für neurosystemische Integration® bei Verena König gelernt. In meiner ganzheitlich/integrativen Traumaarbeit verbinde ich sie mit dem Körper und dem Nervensystem. Ich arbeite traumasensibel, manche nennen es auch traumasensitiv. Für dich heißt das: Du bestimmst das Tempo, du darfst jederzeit innehalten, und nichts geschieht über deinen Kopf hinweg.

Zuerst kommt der Halt

Bevor wir mit belasteten Anteilen in Kontakt gehen, kümmern wir uns um deine Ressourcenanteile. Damit meine ich alles in dir, was Kraft, Ruhe oder Zuversicht kennt. Wir verankern diese Erfahrungen ganz bewusst im Körper, sodass du sie später spüren und darauf zurückgreifen kannst.

Oft entsteht dabei auch ein innerer sicherer Ort, ein Bild oder Gefühl, zu dem du jederzeit zurückkehren darfst. Diese Grundlage macht es möglich, auch schwierigeren Anteilen mit Wohlwollen zu begegnen.

Innere Bilder, Körper und Dialog

Für die Anteilearbeit nutze ich Imagination. In inneren Bildern kann ein Anteil eine Gestalt bekommen, ein Alter oder eine Stimme. Häufig laden wir die Anteile an einen inneren Begegnungsort ein, an dem sie sich zeigen und miteinander ins Gespräch kommen dürfen. Mehr darüber erfährst du bei den Imaginationsübungen.

Gleichzeitig achten wir darauf, was sich in deinem Körper zeigt. Dort wird oft zuerst spürbar, wenn ein Anteil entspannt oder etwas Neues möglich wird. So entsteht nach und nach mehr Verständnis und manchmal ein neues Miteinander, wo vorher ein Kampf war.

Feedback Tina: Ich bin ein sehr visueller Mensch und ausgerechnet das innere Sehen fällt mir schwer. Imaginationsreisen haben mich deshalb eher unter Druck gesetzt. Umso überraschter war ich, was in den Sitzungen mit Karin passiert ist: wunderschöne innere Räume, die sich öffneten, und Dialoge mit meinen inneren Anteilen, die klar und unvermittelt kamen. Ich war tief berührt.

Karins sanfter, spielerischer Ansatz hat mir geholfen, meine inneren Anteile kennenzulernen und neu zu gestalten. Ich habe mich aus einer emotionalen Abhängigkeit befreit und nehme mich selbst heute bewusster wahr. Ich fühle mich in der Lage, mit meinem inneren Team mein Leben zu meistern – mehr als ich erwartet hätte.

Die Begleitung findet online statt und ist auch vor Ort in Leipzig möglich. Wie die Sitzungen ablaufen, liest du in meinem Coaching Angebot, und mehr über meinen Weg erfährst du über mich. Wenn du spürst, dass dich das Thema anspricht, lade ich dich herzlich zu einem kostenfreien Kennenlerngespräch ein. Dort darfst du in Ruhe schauen, ob sich eine Zusammenarbeit für dich stimmig anfühlt. Du erreichst mich über die Kontaktseite.